Die verborgenen Funktionen von Arbeit

Veröffentlicht am 30. Januar 2026

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Mehr als nur Einkommen

Am Anfang der „Initiative für Gute Arbeit“ stand die Überlegung, dass Unternehmen, die „Gute Arbeit“ anbieten eine höhere Attraktivität für Mitarbeitende haben, was sich sowohl auf die Gewinnung neuer Arbeitnehmer:innen auswirkt als auch auf die Mitarbeiterbindung, und somit den langfristigen Verbleib beim selben Arbeitgeber. Ein zweiter Vorteil dieses Konzepts ist die Beobachtung, dass Menschen unter guten Arbeitsbedingungen eine höhere Motivation und Leistungsfähigkeit zeigen als unter erschwerten Bedingungen. Im Jahr 2017 haben wir deshalb, inspiriert von den 12 Kriterien der Initiative für Ausbildung, auch für den Bereich der Arbeitswelt 12 Kriterien entwickelt, die aus unserer Sicht „Gute Arbeit“ beschreiben und heute Grundlage sind für die Zertifizierung von Unternehmen als „Top Arbeitgeber“.

Auch der DGB verwendet den Begriff „Gute Arbeit“ und gibt dazu regelmäßig eine Studie heraus. Der „DGB-Index Gute Arbeit“ ist ein seit 2007 jährliches Instrument zur Messung der Arbeitsqualität aus Sicht der Beschäftigten in Deutschland. Er definiert gute Arbeit als eine Beschäftigung, die faire Löhne, soziale Absicherung, gesunde Arbeitsbedingungen, Weiterbildungsmöglichkeiten, Mitspracherechte sowie eine ausgewogene Balance zwischen Arbeit und Privatleben bietet.

Marie Jahoda – eine Vordenkerin für „Gute Arbeit“

Die Theorie von Marie Jahoda (1907-2001) zur latenten Funktion von Arbeit entstand aufgrund Ihrer Forschung in den 1930er Jahren. Sie gibt uns wertvolle Anregungen dafür, wie wir heute „Gute Arbeit“ gestalten können.

Marie Jahoda war eine österreichische Sozialpsychologin und hat in den 1930er Jahren zunächst zu den Folgen von Arbeitslosigkeit geforscht. Während der Weltwirtschaftskrise konnte sie mit einem Team im österreichischen Ort Marienthal an einer größeren Gruppe von Menschen beobachten, welche Folgen Arbeitslosigkeit hat.

Als Ergebnis dieser Forschung wurde klar, dass Arbeit neben der manifesten Funktion „Einkommen“ auch noch weitere, latente Funktionen hat, die sich bei ihrem Wegfall stark negativ auf das psychische Wohlbefinden von Menschen auswirken. Es sind dieselben Erfahrungen, die auch Menschen machen können, die in den Ruhestand gehen. In diesem Fall wird durch die Rentenzahlung die manifeste Funktion von Arbeit weiter erfüllt, die latenten Funktionen gehen jedoch weitgehend verloren. Sie können durch andere, beispielsweise ehrenamtliche Tätigkeiten, wiedergewonnen werden.

Marie Jahoda beschreibt fünf latente Faktoren von Arbeit:

  • Erwerbsarbeit gliedert den Tag. Es gibt regelmäßige Rhythmen, Arbeitszeiten, Pausen, Wochenende.
  • Soziale Kontakte. Regelmäßige, nicht selbst gewählte soziale Beziehungen außerhalb von Familie und vorhandenem Freundeskreis. Ein soziales Netzwerk in der Arbeitswelt.
  • Regelmäßige Aktivität. Arbeit erfordert kontinuierliche körperliche und geistige Anstrengung. Sie aktiviert uns.
  • Soziale Identität und Status. Arbeit verleiht Anerkennung, Rolle und Status. Sie gibt Antwort auf die Frage „Was machst du?“ und damit auch ein Stück weit auf die Frage „Wer bist du?“.
  • Teilhabe an kollektiven Zielen, Sinngefühl. Durch Arbeit ist man eingebunden in ein Projekt, man trägt bei zu einem größeren Ziel. Man erlebt sich als „gesellschaftlich nützlich“.

Sinn und Arbeit – ein wahres Schatzkästchen der Motivation

Schauen wir uns mal eine der fünf Funktionen genauer an, die „Teilhabe an kollektiven Zielen.“ Jahoda ist der Ansicht, dass Arbeit über die bloße Beschäftigung hinaus Sinn erfahrbar macht. Die Sozialpsychologin spricht davon, dass dieser Sinn nicht nur individuell, sondern „sozial vermittelt“ ist. Was ist damit gemeint?

Wir erfahren Sinn, wenn wir etwas Schönes erleben, wenn wir gemeinsam mit anderen etwas erleben, wenn wir uns anstrengen und dann ein Ziel erreichen, das uns wichtig ist.  Jahoda ist der Ansicht, dass Sinn nicht nur eine Angelegenheit auf der persönlichen, individuellen Ebene ist, sondern durch soziale Strukturen entsteht, wie wir sie am Arbeitsplatz vorfinden.

  • Sinn entsteht in der Interaktion mit anderen. Menschen erleben, dass ihre Arbeit gebraucht wird und einen Beitrag für die Gemeinschaft leistet. Es geht hier um Zugehörigkeit und damit um „das Gefühl oder die Gewissheit, Teil eines großen Ganzens zu sein.“
  • Sinn entsteht durch gesellschaftliche Rollen. Arbeit gibt Menschen eine soziale Rolle, Status und Identität. Wenn ich mich gut mit dieser Rolle identifizieren kann, spricht man von hoher Kohärenz oder Passung.
  • Sinn hängt von der Identifikation mit den kollektiven Zielen ab. Ich erfahre eine Tätigkeit als sinnvoll, weil ich Teil eines größeren Ganzen bin. (Team, Firma, soziale Aufgabe). Es geht hier um „die wahrgenommene Bedeutsamkeit, um den Nutzens der eigenen Tätigkeit für andere Menschen.

Fazit

Bei der Arbeit geht es bei Weitem nicht nur um den Tausch von Geld gegen Leistung. Im Erwerbsleben ist die Entlohnung die Basis für die Zusammenarbeit. Darüberhinaus befriedigt Arbeit auch noch mehrere fundamentale Bedürfnisse wie Zeitstruktur, Aktivierung, soziale Kontakte, Identität und die Identifikation mit einem großen Ganzen, einem kollektiven Ziel. Unternehmen, die diese Themenfelder ganzheitlich betrachten und auch bewusst kollektive Ziele erfahrbar machen, können erfolgreicher sein in den Bereichen Produktivität, Mitarbeiterbindung und Mitarbeitergewinnung.

Fragen zum Weiterdenken:

  • Was macht unser Unternehmen aus?
  • Was macht unser Unternehmen, was sind die Ergebnisse für unsere Kunden?
  • Was ist uns wichtig im Miteinander?
  • Wie können wir neue Personen gut hineinnehmen in unser Team und ihnen das Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln?
Albrecht BühlerGründer der Initiative für Ausbildung und Inititative für Gute Arbeit, Diplom-Sozialpädagoge und Buchautor